Erkenntnis 312
Wir bauen lieber eine App als eine Automatisierung
Eine Trainerin fragt, ob sie sich in Automatisierung ausbilden soll. Die Antwort hängt an den Stunden, die eine fertige Automatisierung später kostet.

„Vielleicht sollte ich mich viel mehr in Automatisierung ausbilden, weil das letztendlich das ist, was gefragt wird.“ Eine Trainerin sagt das im Einzelgespräch, kurz nach halb elf. Sie arbeitet allein, in Konzernen und im Mittelstand. In jedem Haus hört sie gerade dasselbe Wort: Automatisierung.
Ihre Lage ist eng. Ein Auftrag kommt zwei Wochen vorher, dann stehen 22 Leute im Raum. Früher planten dieselben Häuser so ein Training sechs Monate im Voraus. Die Budgets sind eingefroren. Wer so arbeitet, muss beim ersten Mal die richtige Weiterbildung treffen.
Bei uns laufen noch ein paar Dinge auf Make und n8n, zwei Baukästen, in denen man Arbeitsschritte ohne Programmieren hintereinanderhängt. Für neue Aufgaben bauen wir inzwischen eine kleine App. Beim Bau so einer Kette testest du stundenlang, bis sie läuft. Dann ändert ein Anbieter eine Schnittstelle, und sie steht still.
„Bei uns ist die Tendenz eher, wir bauen dann halt eine App, weil es einfacher ist.“
Da höre ich mich selbst widersprechen. Genau diese Ketten habe ich jahrelang gebaut und verteidigt. Der Markt ruft nach Automatisierung, weil das Wort überall steht. Wer die Werkzeuge über Monate benutzt hat, rechnet anders.
Eine kleine Anwendung, an einem Nachmittag mit Claude Code gebaut, dem Programmierwerkzeug von Anthropic, tut dieselbe Sache. Und sie übersteht die nächste Änderung beim Anbieter.
Der Trainerin habe ich deshalb von dem Kurs abgeraten, den der Markt gerade bestellt.
Der Trend sagt dir, was gefragt ist. Die Wartungsstunden sagen dir, was es kostet.Torsten Koerting
Was sichtbar wurde
Alte Ketten auf Make und n8n lassen wir laufen, neu gebaut wird als App.
Der Bau kostet einen Nachmittag, die Reparaturen kommen jedes Mal, wenn ein Anbieter etwas an seiner Schnittstelle ändert.
Hat niemand Zugriff auf das fremde System, bleibt die Automatisierungskette der einzige Weg.
Was das für dich heißt
Nimm dir die Automatisierung vor, die du zuletzt gebaut hast. Zähl, wie oft du sie seit dem Start repariert hast. Rechne diese Stunden gegen einen Nachmittag, an dem dieselbe Aufgabe als kleine Anwendung entsteht. Dann entscheide neu.
Die Frage an dich
Wie viele Stunden hast du im letzten Quartal damit verbracht, Automatisierungsketten zu reparieren, die vorher liefen?
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