Erkenntnis 278
Bei fünf Mitarbeitern liefern wir am Montag
Eine Kanzlei mit fünf Mitarbeitern wartet auf eine Architektur, die in sechs Monaten ohnehin anders gebaut würde. Wir setzen das Lieferdatum auf den kommenden Montag.

Ein Teilnehmer legt in der Fragerunde den Fall einer kleinen Kanzlei auf den Tisch: fünf Mitarbeiter, bestellt vom Nachlassgericht für Nachlassverfahren. Achtzig von hundert dieser Verfahren sind überschuldet, dafür gibt es kein Honorar. Ablehnen darf die Kanzlei keines. Sonst bekommt sie auch die bezahlten nicht.
In der Runde reden wir über die Architektur dahinter, über Plattformen, über Absicherung. Mich stört das Tempo. Der Weg, den ich am Vortag gesehen hatte, war sauber gebaut und viel zu langsam: ein erster Prototyp entsteht darin erst Tage später, statt noch während des Meetings. Der Kunde fragt, ob er es morgen haben kann.
Es ist Mittwoch. Ich würde sagen: Montag stellen wir es euch zur Verfügung, danach noch zwei, drei Runden Nachbessern, und bei den ersten Wohnungsbegehungen komme ich mit. Was dabei herauskommt, ist bewusst klein. „Die App ist ja keine App, sondern eine Safari-Seite, die du dir auf den Homescreen packst.“
Es wird mir gerade bewusst, während wir drüber sprechen: bei fünf Mitarbeitern musst du viel pragmatischer rangehen.
Damit nehme ich unsere eigene Methodik zurück. Die Herangehensweise aus unseren Workshops von vor zwei, drei Monaten, mit Go-Live-Plan und der ganzen Vorarbeit darunter, passt für diese Größenordnung nicht. In einer früheren Ausgabe habe ich gezeigt, wie schnell so etwas heute entsteht. Dass damit auch der Liefertermin nach vorn rückt, habe ich damals übersehen.
Wenn das Bauen so billig wird, bindet eine Zusage auf Investitionssicherheit den Kunden an eine Lösung, die er in einem halben Jahr sowieso ersetzt.
Der Datenschutz bleibt: lokale Modelle auf einem abgesicherten Server, dokumentiert, fertig. Alles andere kostet diese Kanzlei Monate. Die stecken sie besser in die Verfahren, an denen sie verdient.
Am Montag ist fertig, weil es in einem halben Jahr eh wieder anders ist.Torsten Koerting
Was sichtbar wurde
Achtzig von hundert Nachlassverfahren bringen kein Honorar, bearbeiten muss die Kanzlei sie trotzdem
Dreihundert eingesparte Arbeitsstunden im Jahr, zu hundert Euro je Stunde gerechnet: dreißigtausend Euro
Lokale Modelle, ein Server mit Firewall, sauber dokumentiert: mehr Absicherung braucht diese Kanzlei nicht
Was das für dich heißt
Streich aus deinem nächsten Angebot alles, was erst in zwei Jahren Nutzen bringt. Setz ein Lieferdatum in dieser Woche und liefere darauf. Die Absicherung verkaufst du als zweiten Schritt, sobald der Kunde den Nutzen auf seinem Handy hat.
Die Frage an dich
Wie viel von dem, was du deinem Kunden gerade absicherst, wirst du in sechs Monaten ohnehin wegwerfen?
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