Erkenntnis 275
»Dann bin ich ein Softwareanbieter«
In einer Woche standen fünf von sieben Gesprächen an derselben Stelle: Die Anwendung läuft nach einer halben Stunde Bauzeit, und keiner der fünf will der Anbieter dahinter sein.

»Irgendwann habe ich vor Jahren entschieden, ich mache Business vorne und nicht mehr programmieren, Scripten, Code. Plötzlich bin ich wieder in dieser Scheiße drin«, sagt ein Interimsmanager, der sich gerade neu aufstellt. Ein Spezialist für KI-Avatare sagt es so: »Ich wäre dann nicht der Avatarexperte, sondern ich bin ein Softwareanbieter. Da kriege ich Schweißausbrüche, weil ich dann verantwortlich bin dafür.«
Eine Führungskraft aus einem Technologiekonzern hat sich in einer halben Stunde eine kleine App gebaut, die beim Formulieren von Prompts hilft. »Jetzt läuft es aber auf meinem Account, mit meinem API Key auf Claude, und ich weiß nicht, was ich für Schwierigkeiten kriege.« Ein API Key ist der persönliche Zugangsschlüssel, über den jede einzelne Nutzung auf ihrer Rechnung landet.
Fünf von sieben Gesprächen dieser Woche standen an genau dieser Stelle. Die Anwendung läuft, und die Rolle dahinter will keiner. Keiner der fünf wusste vom anderen.
Das Bauen kostet eine halbe Stunde. Was danach kommt, kostet Nerven. Haftung, Betrieb, Support, und die Frage, wem die Software eigentlich gehört.
Das Bauen ist billig geworden. Das Besitzen nicht.
In Kalenderwoche 37 habe ich dir unter »Welche deiner KI-Ideen liegt gerade still?« geschrieben, dass du über das Modell erst im Betrieb entscheidest. Diese Woche zeigen fünf Gespräche, was im Betrieb sonst noch auf dich wartet.
Früher stoppte die Technik den, der eine Idee hatte. Heute baut er sie in einer halben Stunde und steht danach als jemand da, der er nie sein wollte.
Wer betreibt, ist Anbieter. Auch ohne Firmenschild.Torsten Koerting
Was sichtbar wurde
Fünf von sieben Einzelgesprächen einer Woche landeten an derselben Stelle, ohne dass die fünf voneinander wussten
Die App entsteht in einer halben Stunde, Support und Haftung bleiben jahrelang
Wer seinen eigenen Zugangsschlüssel hinterlegt, zahlt jede Nutzung und haftet für jeden Ausfall
Was das für dich heißt
Schreib neben deine fertige Anwendung zwei Zeilen. Erstens: Wer zahlt die Nutzung? Zweitens: Wen ruft der Kunde am Montag um acht an, wenn nichts mehr geht? Steht bei beidem dein Name, bist du der Anbieter. Entscheide das selbst, bevor es jemand anderes für dich tut.
Die Frage an dich
Wer trägt den Schaden, wenn die App, die du in einer halben Stunde gebaut hast, am Montag ausfällt?
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