Erkenntnis 297
„Wie viele Analysen haben wir gemacht, die nie jemand gelesen hat?“
Im KI-Café mit über vierhundert Zuhörern fragt jemand im Chat nach einer Szenario-Simulation. Die Antwort endet bei den Rechercheberichten, die im eigenen Haus ungelesen liegen.

Die Frage kam aus dem Chat, mitten in den laufenden Fall hinein: Warum fahren wir für diesen Markteintritt eigentlich keine Szenario-Simulation?
Über vierhundert Menschen waren zugeschaltet. Auf dem Schirm lag der Plan eines Teilnehmers für den Eintritt in den österreichischen Markt. Zwei Stunden hatten wir daran gebaut. Die Frage war gut, und sie war unbequem.
Meine erste Antwort war die saubere. Ja, man kann das durchspielen: wie die Presse reagiert, wie die Restaurants reagieren. Dafür braucht es mehrere Szenarien, sonst gibt es nichts zu vergleichen. Aus dem Vergleich entsteht eine Synthese, und die fließt vorn wieder in das nächste Szenario ein. Das Werkzeug dafür haben wir allen Teilnehmern in einem dreistündigen Workshop eingerichtet.
Beim Reden kippte mir die Antwort weg. Diesen Gedanken hatte ich vorher nie laut ausgesprochen.
Wie viele Research-Analysen haben wir gemacht? Und wie viele davon hat nie jemand gelesen?
Viele. Bei uns, und bei den Kunden im Raum genauso. Deep Research, also der automatisch zusammengetragene Recherchebericht über einen ganzen Markt, hat früher Wochen gekostet. Heute liegt er vor dem Mittagessen auf dem Tisch. Genau deshalb starte ich den nächsten Lauf, statt den letzten zu lesen. Eine Recherche kostet fast nichts mehr. Der Kopf, der sie durcharbeitet, kostet weiterhin.
Man kann den Bericht sofort an die KI zurückgeben und sie bitten, alles gleich einzubauen. Das fühlt sich nach Tempo an. „Wenn wir das so machen, dann sind wir eh irgendwann mal abgeschafft.“ Solange es uns noch braucht, dürfen wir denken. Und manchmal ist der Markt die beste Simulation.
Die Analyse ist billig geworden. Teuer ist der Mensch, der sie verarbeitet.Torsten Koerting
Was sichtbar wurde
Eine Simulation trägt erst, wenn du mehrere Szenarien vergleichst und das Ergebnis vorn wieder einspeist
Der Markt antwortet ehrlicher als jedes Modell, und er stellt dafür keine Rechnung
Wer den Bericht sofort an die KI zurückreicht, spart sich das Denken
Was das für dich heißt
Öffne den Ordner mit deinen Rechercheberichten der letzten vier Wochen. Zähl, wie viele du von vorn bis hinten gelesen hast. Schreib zu jedem ungelesenen eine Zeile dazu: Was hätte ich damit getan? Erst danach startest du den nächsten Lauf.
Die Frage an dich
Welche Entscheidung in deinem Unternehmen hat sich in den letzten vier Wochen durch eine Analyse tatsächlich geändert?
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